WEB POSTER EXHIBITION - Chinese avantgarde posters in Berlin

Einführung in die Ausstellung von Dr. Frieder Mellinghoff
Direktor des Deutschen Plakat Museums Essen

Sehr geehrter Herr Präsident Romain,
sehr geehrter Herr Präsident Jiang,
sehr geehrter Herr Prof. Kristahn,
verehrte Freunde der Hochschule der Künste von Berlin,

Das plakative Leitmotiv meines Beitrags zu unserer Zusammenkunft soll lauten:

Wenn zwei dasselbe tun, so ist es noch lange nicht dasselbe. – Mit diesem Anschein von Banalität will ich einerseits auf einen Wesenszug unserer Medien-Materie hinweisen, andererseits Sie aber nicht fehlleiten: Es ist eine Ausstellung von chinesischen Plakaten, die den Adressaten bei der Organisation des Alltäglichen dienen sollen. Hier wie dort. Dennoch darf das nicht mit Alltäglichkeiten geschehen. Hier wie dort. Und obwohl die Zielgruppen so viele tausend Kilometer von einander entfernt leben, fühlen wir intuitiv beim Rundblick, daß wir, die Berliner, die Deutschen, die Europäer mit dem fernen China und seinen kreativen Kräften etwas gemeinsam haben: das Interesse und die helle Freude an gut gestalteten Plakaten. Um es vorweg zu nehmen: das zentrale Erlebnis dieser Begegnung wird sein, Gemeinsamkeiten und Eigenständiges zu unterscheiden.

Das Plakat begleitet uns unterschwellig, es informiert, löst Überraschung und Begehren aus, stimmt nachdenklich, kann auch schon mal ärgern oder es amüsiert durch Situationskomik in einem zufälligen urbanen Kontext. Das Plakat berührt uns zunächst an der Oberfläche unserer Wahrnehmung und bildet doch selbst eine „gestaltete" Oberfläche dessen, was es will und was es soll: Zufällig da sein, durchdringend auffallen, Blicke fesseln, um Ideen und Sachen in unser Bewußtsein zu implantieren, damit gesellschaftliches Engagement sich regt und Märkte blühen. – Aber haben wir es da nicht mit Gemeinsamkeiten zu tun, die auf allen Kontinenten gleich funktionieren?

Ja, aber, wenn zwei dasselbe tun, ist das noch lange nicht dasselbe. Und um das zu durchschauen müssen wir etwas genauer hinsehen und unter die jeweilige Oberfläche blicken. Aus eigener Anschauung kennen die wir, die Einheimischen, die optischen Kulissen auf Litfaßsäulen, Großflächenplakaten und von Bus-Haltestellen. Wir werden uns an den Sänger Aristide Bruant, den Mann mit Schlapphut und rotem Schal,von Henri de Toulouse-Lautrec erinnert, der vor 110 Jahren die Straßen von Montmartre schmückte oder an überdimensionale Fotomotive von Oliviero Toscani denken, die skandalträchtig zugunsten farbiger Strickmoden Aufsehen erregten.

Beim vergleichenden Blick auf Plakate aus China stolpern wir zuerst über die Schrift, die wir nicht Typographie nennen mögen, weil ihre Ausformung und ihr Repertoir uns anstrengend vielfältig erscheint. Bedenken wir mit den Schulkindern in China, daß ihre 5000-jährige Schriftgeschichte aus Bildzeichen, d.h. aus Ideogrammen, hervorgegangen ist, so wird uns schlagartig bewußt, um wie viel selbstverständlicher und natürlicher die Verflechtung von Schrift und Bild im Plakat empfunden werden muß, als wir es gewohnt sind.

Der Respekt vor der Vielfalt der chinesischer Ideogramme ist um so mehr berechtigt, als bereits um 800 v. Chr. ein Repertoir von annähernd 3000 Zeichen kanonisiert worden ist – zu einer Zeit also, als die Epen des legendären Homer noch mündlich überliefert wurden. Aber mehr noch beweist die chinesische Schrift ihre Eigenständigkeit, indem sie schon früh stilistisch präzise in 5 Stil-Varianten ausdifferenziert wurde: die Siegelschrift, Kanzleischrift, Standardschrift, die elegante Kursivschrift und die fließende Konzeptschrift.

Schon diese Einteilung verrät, daß im chinesischen Kommunikationssystem von Ideogrammen, die für Reihungen und Verkettungen von Begriffen stehen, eine Ordnung herrschen muß. Wenn wir den Eindruck haben, daß diese Ordnung eine relative ist, täuscht man sich. Das Gegenteil ist richtig, weil scheinbare Unregel-mäßigkeiten aus der uns fremden Verwendung des Pinsels als Schreibwerkzeug entstanden sind. Dankenswerterweise zeigt uns Prof. Kristahn schon auf der Einladungskarte und dem Katalogeinband typische Eigenarten der chines. Schrift:

Die Zeichen sind nicht nur deutlich nach Pinselstrichen computergerecht ausgeformt, wobei der Kundige erkennt, wie verschieden der Pinsel jeweils ansetzen mußte, sondern oben steht der Zeichensatz kursiv in einem imaginären Rechteck und unten aufrecht, was zwei Stilrichtungen entspricht. Die kursive Version galt immer als die elegantere. Und weil sie in ihrer Vorwärts-Dynamik dem Titelwort Avantgarde entspricht steht sie hier oben.

Die enge Verknüpfung von Zeichen, Begrifflichkeit und gegenständlicher Bedeutung verleihen der Schrift eine Nähe zum Bild, die der westlichen Typographie nicht eigen ist. Dies ist für die Plakat-Genese allgemein um so interessanter, als die Verknüpfung von ideal geformten Schriftzeichen und Bild-Darstellungen in China eine ganz alte Tradition hat. Dabei erhoben die ästhetisch anspruchsvollen Schreibkundigen in kaiserlichen Diensten die Schrift zur Kalligraphie, die mit ihren linearen Pinselzügen die Bildkunst beeinflußte und nicht umgekehrt. Die Integration von Schrift und Bild ist also in jedem chinesischen Gestalter wach - viel mehr als bei einem westlichen Designer, für den diese Verbindung zur kompositorischen Aufgabe wird.

Gleichzeitig behält die chinesische Bildkommunikation sowohl in der Kunstmalerei als auch im plakativen Ausdruck eine Zwei-Dimensionalität, die gerade für das Plakat allgemein typisch ist. Die Grenzen zwischen bildender Kunst und angewandter Kunst waren in China über Jahrhunderte fließend, und sie sind es noch immer. Wir Europäer haben diesen Schritt erst im 19. Jh. getan, als sich der erwähnte Toulouse-Lautrec und seine Avantgarde-Generation mittels chinesischer und japanischer Graphik vom Zwang der Zentralperspektive befreite und ein freieres Raum-verständnis in seinen Arbeiten umsetzte. Und wieder ist richtig: Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch nicht dasselbe. Denn wir müssen festhalten, daß im Bewußtsein junger chinesischer Plakatgestalter eine über Jahrhunderte gewachsene Tradition der Formen und ihrer Zuordnung verankert ist, die sich wie ein roter Faden durch alle Epochen hindurchzieht.

Zu den Fundamentsteinen der gesellschaftlich kulturellen Tradition gehört auch, daß die Inhalte der Botschaften und ihre plakative Umsetzung von moralischen Kriterien des großen Meisters und Staatslehrers Konfuzius (551-479 v.Chr) bestimmt sind, die zu allen folgenden Zeiten die Gesellschaft mit Hilfe von Bildbotschaften latent geprägt hat, selbst unter dem Druck revolutionärer Veränderungen. Der weise Konfuzius ordnete hierarchisch die gesellschaftlichen Verantwortungen, und schuf damit eine äußerst langlebige Leitlinie des Umgangs mit einander. Bei dem schweizer Theologen Jean-F. Cavin las ich die schöne Bemerkung, die 2 ˝ Jahrtausende währende Wirkung des Konfuzius könne ruhig einmal 50 oder 100 Jahre in den Hintergrund treten, ohne Schaden zu nehmen. Ergo können die alten Lehren auch heute noch Richtlinien für Mitmenschlichkeit sein. Lehrhafte plakative Bilder galten früher wie heute also nicht als informative Dekorationen sondern als fortwährend genutzte Mittel zur sittlichen Erziehung der Untertanen und in jüngerer Zeit zur zentralen Steuerung gesellschaftlicher Prozesse.

Die Entwicklung Chinas war seit dem Programm der „4 Modernisierungen" d. h. nach 1978 im wachsenden Maße von Versorgungsfortschritten begünstigt, was an neuen Architekturen und an den bunt gekleideten Menschen abzulesen ist. Durch die Ausstrahlung anziehender Lebensmodelle in unmittelbarer Nähe wie Singapur und Hong-Kong und durch die schlagartige Verbreitung von Radio und Fersehen bis in ländliche Gegenden hinein wurden Interessen an Kommunikation und schöpferischen Medien-Potentialen geweckt, unter denen das Plakat erneut eine unübersehbare Rolle spielt.

Junge Grafiker hatten die Chance mit der Erforschung und Erprobung neuer gestalterischer Mittel den neugierigen Augen neuen visuellen Stoff zu bieten, der begierig aufgenommen wurde. Die zweigleisige Alltagswelt, die zwischen der Hochglanzwerbung westlicher Importprodukte und den ethisch motivierten Ermahnungen zum vorbildlichen Einsatz z.B für den „Unfallschutz" pendelte, konnte nun zu einer neuen visuellen Alltagskultur verwoben werden. Natürlich kam es intern auch zu konzeptionelle Kontroversen zwischen den Generationen. Aber die verhaltene Wahrung von Traditionen – für den Außenstehenden oft nicht erkennbar – hat innovative Gestaltung nicht wirklich behindert, vielmehr hat sie daraus das gemacht, was man in China den eigenen Weg zwischen Maoismus und Turbo-Kapitalismus nennt.

Schon nach kurzer Zeit zeigten in den 90er Jahren junge Absolventen der immer zahlreicheren Hochschulen viele grafische Anwendungen, die in Form und Farbe deutlich machten, daß sie mit Schwung die Eintönigkeit überwinden wollten, sich für die Vielfalt visueller Erscheinungen interessierten und nach eigener, d.h. individueller Stärke im optischen Auftritt strebten. Gebrauchsgrafik als Medium der persönlichen Emanzipation konnte sich nicht mit einer eingeschränkten Farbpalette und der alleinigen Ikonographie politischer Selbstdarstellung begnügen.

Vielmehr entdeckten die suchenden Grafiker eine enorme Vielfalt, des Lesbaren zwischen grafisch verkürzten Signalen und der wunderbaren Zwischenwelt der Kalligraphie, des Erkennbaren zwischen gemalten oder gezeichneten Symbolen, des Entschlüsselbaren zwischen Spiegelungen und Verfremdungen der Wirklichkeit in der Fotografie. Neben treu symmetrisch angelegten und auf die Mitte focussierten Kompositionen, die im Ying und Yang ihre Ausgewogenheit finden, sehen wir unbekümmert freizügige Übermalungen, die das Auge provozieren. Schließlich weitet sich das enorme Reservoir der Ausdrucksmöglichkeiten weiter aus, indem die visuellen Grundelemente vielfältig und kontrastreich mit einander kombinierbar sind.

Immer neue Möglichkeiten visueller Mitteilungen erfinden die chinesischen Grafiker unserer Zeit. Von Begabung und eifrigem Engagement getragen, entstehen diese Innovationen nicht als Selbstzweck, sonder im Dienst an der Gesellschaft, ihrer Produktivität und ihrer Kultur. - Wie im wirklichen Leben, zeichnet sich auch in der chinesischen Plakatszene ein edler Wettbewerb ab. Dieser Wettbewerb hat im Reich der Mitte schon zur Bildung eines Netzwerkes von Institutionen und Veranstaltungs-plätzen geführt, über die Sie der Katalog informiert. Daß aber die Lust an der vergleichenden Begegnung schon nach so wenigen Jahren der Entwicklung zum Auftritt einer Avantgarde hier in der Hochschule der Künster führt, ist eine große Bereicherung und läßt auf weitere Belebung in der Zukunft hoffen. Denn die Plakat-Kommunikation ist ein internationales, ja weltweites Treiben, schöpferischer mitteilsamer Menschen, die bei der Globalisierung nichts von ihren persönlichen Stärken aufgeben. Im Gegenteil verhält es sich so, daß sich ein jeder am Gegenüber in seiner wertvollen Eigenart erkennt und Koexistenz begreifen lernt. Darum bleibt es auch richtig, daß es noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei dasselbe tun!

Berlin, 16.09.2001

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